Früher war alles besser/schlechter? Heute ist alles schlechter/besser?

 

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Als ich am Freitagabend nach dem Union-Spiel in die Projensdorfer Straße einbog, musste ich kurz daran denken, dass es in den früher 2000ern noch möglich war, das Stadion auch über die Kurve Richtung Hochhaus zu verlassen. Manchmal, bei nicht so unterhaltsamen Spielen, wurde schon die komplette zweite Hälfte auf dieser Stadionseite verbracht, um möglichst schnell nach Abpfiff draußen zu sein. Selbst bei Spielen, wo Gästefans anwesend waren, war es fast immer möglich. Es ist nichts, was ich großartig vermisse, aber es ist ein Beispiel, wie sehr sich Holstein in den letzten 20 Jahren verändert hat. Und das, trotz allem Erfolgs, irgendwie nicht nur zum Guten.

 

Es ist sicherlich auch nicht alles besser gewesen. Der Fußball war zur damaligen Zeit häufig alles andere als attraktiv. Wenn es etwas zu bejubeln gab, dann war es ein Tor oder der Sieg. Über schöne Spielzüge wurde sich nach Abpfiff nur selten unterhalten. Einfacher war hingegen die Ticketsituation, im Normalfall reichte es, zehn Minuten vor Anpfiff am Stadion zu sein. Eintrittskarte geholt, immer noch fünf Minuten vor Spielbeginn auf dem gewohnten Platz. Nur in ganz seltenen Fällen wurde in der Woche vor dem Spiel sicherheitshalber schon mal eine Karte bei Rubin am Dreiecksplatz geholt. Tat aber meistens nicht Not. Denn nur selten wurde es auf den Stufen des alten Runds so voll, dass es ausverkauft hieß. Eher war das Gegenteil der Fall.

 

Doch war es fehlende Komfort und die fehlende Stadionshow, der die Menschen vom Stadion fernhielt? Nein. Ein Freund, der damals eine Dauerkarte für die gerade neugebaute AOL-Arena besaß, freute sich immer, wenn ich ihn in das rumpelige Holstein-Stadion mitnahm. Die Mädels, die von der alten Laufbahn aus dem Bollerwagen Bier durch den Zaun verkauften, waren für ihn ein wahres Highlight und neben Fußball das einzige, was notwendig war, um ihn glücklich zu machen. Es war, wenn auch nicht perfekt, eine kleine heile Welt. Der „große Fußball“ fühlte sich selbst in der Spitzengruppe der Regionalliga (damals die dritthöchste Spielklasse) ganz weit weg an, wenn der Schneeregen, vor dem kein Dach Schutz bot, einen frösteln ließ – oder war es doch das Geschehen auf dem Rasen? Aber: Je erfolgreicher die KSV wurde, desto mehr Menschen kamen und auch die aktive Szene und die Choreos wuchsen.

 

Rumpelfußball wird inzwischen seit einigen Spielzeiten nicht mehr im Holstein-Stadion geboten. Klar, das eine oder andere Spiel ist immer dabei, aber unter dem Strich erfreut das auf dem Feld Gebotene doch sehr. Die Entwicklung des Vereins ist beachtlich und ohne ein gewisses Maß an Kommerzialisierung wäre sie nicht möglich gewesen. Wer dabei sein will, muss in einige saure Äpfel beißen – sei es zum Beispiel die Zerstückelung von Spieltagen. Daran wird ein kleiner Verein wie Holstein Kiel nichts ändern können, die Frage ist nur immer mit wie viel Vergnügen in den Apfel gebissen wird. In der Vergangenheit gab es immer wieder positive Beispiele einzelner Vereine, die sich offensiv für Fanbelange einsetzten. Der Gegner vom vergangenen Freitag, Union Berlin, ist da ein positives Beispiel. Aber es sind nicht nur die großen Dinge, die zur vermeintlichen Entfremdung zwischen Fans und Fußball führen. Manchmal wäre es einfach, Ärger zu vermeiden, wenn das Ohr für die Fans etwas offener wäre. Und der überwiegende Teil derjenigen, die jede Woche heim- und auswärts für akustische und optische Unterstützung sorgen, braucht nicht vieles – nur ein wenig Raum.

 

Wer eine Kurve mit Emotionen möchte, muss diesen Emotionen auch ihren Platz gewähren. Und dies passiert im Holstein-Stadion nicht immer. Dies begann beim Neubau der Westtribüne, als geeignete Zaunfahnenplätze schlichtweg vergessen wurden. Ärgerlich, den hätte der Verein damals die Fans gefragt, wäre dieses Problem gar erst entstanden – noch ärgerlicher ist allerdings, dass sich bis heute an diesem Zustand grundsätzlich nicht viel verändert hat. Es wurde lediglich ein nicht funktionierendes Seilzugsystem konstruiert, mit dem die Zaunfahnen unter dem Dach platziert werden sollten. Diese in Deutschland einmalige Konstruktion setzte sich zurecht auch in Kiel nicht durch. Ansonsten wird die Größe der Zaunbeflaggung durch die Höhe der Werbebanden diktiert.

 

Vor dem Heimspiel gegen Fürth präsentierte die KSV den neuen Standort für die Anzeigetafel: Unter dem Dach auf der Westtribüne hatte sie einen neuen Platz gefunden. Sicherlich von der Haupttribüne und der Gegengerade gut zu sehen – doch auch mitten in dem Bereich, von dem aus supportet wird. Der Einsatz von großen Schwenkfahnen ist durch die Konstruktion unmöglich geworden, optische Unterstützung wird es bis auf weiteres zuhause wohl nicht mehr geben. Die Fahnen der aktiven Gruppen hingen am Freitag aus diesem Grund verkehrt herum. Vielleicht mag der ein oder andere Außenstehende denken, dass die Platzierung einer Videotafel doch kein so großes Ärgernis sein kann – für diejenigen, die mit den Choreos aber immer wieder optische Highlights schaffen, die in den sozialen Medien auch von offizieller Seite gerne geteilt werden, ist es allerdings ein gefühlter Schlag ins Gesicht gewesen. Und auch hier hätte sich das Problem durch Gespräche relativ einfach verhindern lassen.

Der Glaube, authentische und kreative Stimmung in einem Fußballstadion durch Klatschpappen und Show ersetzen zu können, ist ein Irrglaube. Das sollte jedem Stadionbesucher und auch dem Verein seit der „Pokalschreck-Saison“ bewusst sein - und die war in gewissem Sinne schon ein Testlauf für das gewesen, wo sich Holstein 2019 befindet. Die sportliche Entwicklung der letzten Spielzeiten ist grandios – und ich möchte sie nicht missen – abseits des Platzes gibt es definitiv Versäumnisse. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Fans auf der Westtribüne lediglich als optische Untermalung gern gesehen sind. Falls es doch passiert, würde der Support einen schwer zu reparierenden Schaden nehmen. Und jeder Holstein-Fan, der schon länger als zwei Jahre dabei ist, weiß, dass gerade die Einheit aus Verein, Mannschaft und Fans, eine Stärke in Krisenzeiten sein kann.

 

Zum Glück ist trotz der Niederlage gegen Union derzeit keine Krise, denke ich mir. Der Fußball ist sogar ganz schön. Und neben dem Platz: Einfach mal den Emotionen Platz gewähren.

 
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