Dieses Wochenende rollt der Ball wieder – zumindest bei den Bundesliga-Profis. Auch Holstein Kiel startet nach der langen Corona-Pause wieder in den Wettbewerb. Doch spüre ich Vorfreude? Die traurige, aber ehrliche Antwort ist: Nein. Eigentlich weiß ich nicht einmal, ob mich der ganze DFL-SKY-BILD-Zirkus der letzten Wochen wütend gemacht hat oder ob ich dem Neustart einfach komplett emotionslos gegenüber stehe. Emotionslos gegenüber etwas, für das ich vor nicht allzu langer Zeit noch von ganzen Herzen gebrannt habe.

 

 

Sicherlich gab es auch schon vor Corona-Krise verschiedene Dinge, die nicht nur mich, sondern viele Fußballfans, die mit vollem Herzen dabei waren, gestört haben. Deutlich wurde dies in der Diskussion um die Hopp-Schmähplakate, die weiter weg scheint, als sie es tatsächlich ist. Medien abseits des Boulevards hinterfragten kritisch die immer weitergehende Kommerzialisierung des Fußballs. Doch selbst der größte Ultrà wäre wohl nicht auf die Idee gekommen sich, und sei es auch nur temporär, vom Fußball loszusagen. Denn der Sport, den auch ich so liebe, ist eben nicht nur das Geschehen auf dem Rasen, sondern einfach so viel mehr.

 

Der Fußball, den ich liebe, das sind Emotionen auf den Rängen, egal ob Feiern oder Trauern oder auch wütend sein. Der Fußball, den ich liebe, ist die Gemeinschaft, das Verbindende. Der Fußball, den ich liebe, ist unterwegs sein, um Menschen, Städte und Länder kennenzulernen. Der Fußball, den ich liebe, bietet allen ein Zuhause, von kritischem Ultrà bis zum Gelegenheitskonsument. Der Fußball, den ich liebe, sind die Menschen. Es mag sein, dass ich ein Fußball-Romantiker bin, obwohl die BILD-Zeitung, diejenigen, die sich nicht über den Bundesliga-Neustart freuen, als Fußball-Hasser abgestempelt hat. Aber Geisterspiele sind nicht der Fußball, den ich liebe.

 

Geisterspiele mögen wirtschaftlich vielleicht unumgänglich sein. Doch zeigt sich gerade in der Krise, wie krank dieses System inzwischen geworden ist. Bundesligavereine, die Gelder verpfändet haben, ohne sie zu haben. Und wenn ständig von der Abhängigkeit von TV-Geldern gesprochen wird – seit wann ist eine so krasse Abhängigkeit denn etwas Gutes? Zählen unter dem Strich dann eben doch die Abokunden viel mehr, als der treue Vereinsanhänger, der am Wochenende in der Kurve steht? Wie soll sich der Stadiongänger zukünftig eben nicht nur als zweitrangiges und eigentlich gar nicht wirklich notwendiges Beiwerk vorkommen? Das ist nicht der Fußball, den ich liebe.



Dieser Fußball ist ein trauriges Schauspiel...



...und sicherlich kein Vorbild. Während außerhalb des Profifußballs sportliche Betätigung nur kontaktarm erlaubt ist und generell trotz aller derzeitigen Lockerungen immer noch Abstand halten das Gebot der Stunde ist, scheinen für Bundesligaspieler andere Gesetzmäßigkeiten zu gelten. Zwar werden boulevardmedienwirksam neue Formen des Torjubels präsentiert (Fußkick statt Abklatschen, Ellenbogen statt Umarmung), doch endet der Wirkungsbereich des Hygienekonzepts der DFL spätestens dann, wenn es in einen Zweikampf geht. Oder bei Eckbällen? Wird es eine Begrenzung der im Strafraum befindlichen Spieler geben? Trainer müssen einen Mund-Nasen-Schutz tragen, der inzwischen sogar als potenzielle Werbefläche in den Fokus des Interesses gerückt ist. Allerdings dürfen sie ihn für taktische Anweisungen kurz abnehmen. Weiß das Virus über diese Ausnahme und dass es sich in diesem Moment höflicherweise zurückhalten muss. Sicherlich ist das Risiko eines Infektionsherdes bei einer der am besten getesteten Berufsgruppen eher als gering einzuschätzen – aber die Signalwirkung ist nicht sehr positiv.



Dieser Fußball hat keine Seele...

 

...denn er lebt von den Emotionen auf den Rängen. Fans sind der zwölfte Mann, pushen ihr Team nach vorne, machen das „Erlebnis“ Fußball zu dem, was es ist. Was einem von einem Spiel in Erinnerung bleibt sind eben vor allem auch die Choreografien, die bunten und lauten Kurven, die Leidenschaft abseits des Platzes. Dass es ernsthafte Überlegungen gibt, Stadionatmosphäre über eine App abgeben zu dürfen, können auf jeden aktiven Fußballfan nur lächerlich wirken. Eine limitierte Auswahl an Reaktionen, von Jubel bis Pfeifen, soll dem TV-Zuschauer wenigstens einen Hauch ein Normalität vortäuschen? Dass das Ganze dann auch noch kostenpflichtig sein soll, dürfte nur der letzte Grund sein, weshalb kein ernsthafter auch nur im Ansatz überlegen wird, sich so etwas aufs Handy zu laden.



Dieser Fußball mag vielleicht ein paar mehr Arbeitsplätze als die der Profispieler retten...

 

...aber was hat der Verkäufer an der Wurstbude, der Wirt in der Kneipe oder die alte Frau, die sich mit Flaschensammeln ihre Rente aufbessert, von Geisterspielen? Ans unterste Ende der „Nahrungskette“ dringt wenig durch. Ob es zielführend ist, darüber zu diskutieren, warum denn ausgerechnet der Profifußball Sonderrechte verdient hat, nicht aber andere Profisportler oder gar andere Berufszweige, ist sicherlich ein komplexes Thema. Die Arroganz einiger Fußballfuntkionäre in den letzten Wochen hat aber ganz sicher nicht dazu geführt, dass sich die Akzeptanz in der Bevölkerung für solche Sonderrechte vergrößert hat. Dazu zählt auch die scheinbar endlos verfügbaren Corona-Tests für Bundesliga-Spieler, während diese selbst in systemrelevanten Berufen fehlten. Der Bundesliga-Neustart sollte offensichtlich mit aller Macht durchgedrückt werden. Ein gutes Recht der Vereine, der Verbände und aller, die daran verdienen. Doch schient es fast so, als wenn dabei ohne jegliches Gespür und ohne jegliche Rücksicht auf Kollateralschäden vorgegangen wurde. Profiußball – Egoismus?


Vielleicht gibt es in absehbarer Zeit wieder Spiele mit Publikum. Vielleicht gibt es auch wieder zu einem gewissen Teil den Fußball, wie ich ihn liebe. Zur Zeit scheint dieser Fußball aber so weit davon weg zu sein, wie es nur geht. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich wieder von ganzem Herzen für Fußball brennen werde.

 

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