18.08.2019, Endstand 2:1

 

Dezember 1978 - Holstein Kiel empfängt in der 3. Runde des DFB-Pokals den Karlsruher SC. In der Kieler Aufstellung damals heute noch bekannte Namen wie Jochen Aido, Berndt Jordt, Dietmar Tönsfeld und natürlich Immo Stelzer. Es ist ein munteres Hin und Her. Am Ende geht den Gästen aus Baden aber die Luft aus und die Störche ziehen mit einem 5:2 in die nächste Runde ein. Danach herrscht Funkstille zwischen den beiden Vereinen. Während der KSC in den Folgejahren hauptsächlich in der ersten und zweiten Bundesliga seine Bahnen zieht, sieht es für die KSV mehr als 30 Jahre weniger rosig aus. Erst nach dem Aufstieg in die 3. Liga näherte man sich zwar langsam wieder an, ging sich jedoch immer geschickt aus dem Weg. Und während Holstein 2017 den Schritt zurück in die 2. Bundesliga machte, ging es für den KSC runter. Wieder hatte man sich verpasst. Glaubt man also den Statistiken, ist die Begegnung an diesem Sonntagnachmittag das erste Pflichtspiel gegen den KSC nach mehr als 40 Jahren.

 

Dabei verbindet die KSV mit der Stadt Karlsruhe in Sachen Fußball eine deutlich ältere und vor allem erfolgreiche Geschichte. 1909 noch Deutscher Meister, gab der Karlsruher SC Phoenix, Vorgänger des heutigen KSC, den Staffelstab an den Stadtkonkurrenten ab, dem Karlsruher FV, ab. Im Jahr 1910 ging der Titel zwar erneut nach Karlsruhe. Im Weidenpescher Park in Köln holte jedoch der FV den Meistertitel gegen - genau Holstein Kiel. Zwei Jahre später lief es bekanntlich anders. Wieder traf die erfolgreiche Elf aus Baden gegen die Störche an, unterlagen ihnen im Stadion Hoheluft in Hamburg jedoch. Somit ist der größte Titel der KSV eng verknüpft mit der Stadt Karlsruhe.

 

Doch die Zeit meinte es nicht gut mit dem damaligen Endspielgegner. Ein letztes Aufbäumen gab es noch in den 50er-Jahren in der 2. Bundesliga Süd. Danach verschwand der einstige Meister in den Untiefen des Amateurfußballs. Heute ist die Kreisklasse die Heimat des einst erfolgreichsten Vereins Badens. Der Karlsruher SC hingegen hat sich in der Neuzeit zu einer klassischen Fahrstuhlmannschaft entwickelt. Unzählige Spielzeiten in der 2. Bundesliga, Ausflüge in die 1. Bundeliga und Abstürze in die 3. Liga. Dabei wurde der KSC begleiten von bekannten Namen wie Thomas Häßler, Dirk Schuster und nicht zu vergessen Eigengewächs Oliver Kahn.

 

 

 

Während der Karlsruher SC mit zwei Siegen in die Liga gestartet ist, scheint es bei Holstein mit einem Unentschieden und einer Niederlage noch etwas zu stottern, einzig in der ersten Pokalrunde am vergangenen Sonntag, siegte man mit einem souveränen 6:0. Der KSC setzte sich übrigens ebenfalls durch und gewann das Heimspiel gegen Hannover 96 mit 2:0.

 

 

 

Mit der Euphorie im Rücken reisten runde 1000 Karlsruher an die Kieler Förde, die sich wettertechnisch allerdings mal wieder von ihrer typischen Seite zeigte. Das machte sich auch bereits nach wenigen Minuten bemerkte. Der nasse Rasen ließ den einen oder anderen Spieler auf dem Rasen rutschen.

Salmtalstadion, 11. August 2019, Endstand 0:6

 

Am Tag der Auslosung hatte es auf beiden Seiten auch enttäuschte Gesichter gegeben. Beim FSV Salmrohr hatte man sich für die erste Runde im DFB-Pokal einen größeren Namen, wie Bayern oder Dortmund gewünscht – und auch im Lager der Holstein-Fans gab es sicher einige, die auf etwas anderes gehofft hatten, als den einzigen Sechstligisten im Lostopf. Die Ansetzung an einem Sonntag war dann auch nicht wirklich optimal für eine Auswärtstour von dieser Distanz.

 

rotzdem gab es auch etliche Kieler, die genau dieses Partie feierten. Die Reise ins Salmtal sollte so etwas wie ein Ausflug in noch gar nicht so lange vergangene Regionalliga-Zeiten werden. Holzbänke, Flatterband, Kuchen und die Wurst im Brötchen für zwei Euro – das alles gepaart mit einer freundschaftlich-entspannten Atmosphäre ergaben ein Wohlfühl-Gefühl, in dem ganz viel „alter Fußball“ enthalten war.

 

stadion

 

panorama

 

Auch der Anblick des Salmtalstadions löste bei einigen Auswärtsfahrern nostalgische Gefühle aus. Erinnert der Bau mit der überdachten Haupttribüne und den Betonstufen doch ein wenig an das alte Holstein-Stadion. Und immerhin gab es hier in der Saison 1986/87 auch schon Zweitliga-Fußball zu sehen. Bekannte Namen aus dieser goldenen Ära im Salmtal: Klaus Toppmöller, Edgar Schmidt oder Wolfgang Kleff.

 

Auf einen schleswig-holsteinischen Vertreter traf Salmrohr bereits einmal im DFB-Pokal (1989/90 setzte sich der TuS Hoisdorf mit 3:1 gegen die Rheinländer durch), zwischen Holstein und dem FSV war es hingegen das erste Aufeinandertreffen. Dafür hatte die Fanszene das Motto „Sommer, Sonne, Holstein Kiel“ ausgegeben. Ein Motto dem, das Wetter mal ausgenommen, erfreulich viele KSV-Supporter folgten.

 

 

Hawaiihemden, Fischerhüte und Plastikflamingos grüßten aus dem Gästeblock. Ein gelungener Auftritt, für den sich auch noch André Schubert nach dem Spiel bedanken sollte.

 

sommersonne

 

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27. Juli 2019, Endstand 1:1

 

Das war er also, der Saisonauftakt. Letzte Saison war dieser für zwar deutlich fulminanter von statten gegangen, aber wer sich an die erste Zweitligasaison der Kieler Neuzeit erinnert, weiß, dass ein Unentschieden gegen Sandhausen kein schlechtes Omen für den Verlauf der Spielzeit sein muss.

 

Mast

 

Bei schönstem Kieler Sommerwetter steife Brise und strahlender Sonnenschein, versammelten sich insgesamt 10.103 Zuschauer im Holstein-Stadion. Gerade am gestrigen Freitag trafen heiße News hinsichtlich des Neubaus ein. So kann man sich 2024 auf eine neue, moderne Arena freuen. Soll natürlich nicht heißen, dass unser kleines Flickwerk keinen Charme versprüht, aber angesichts der geforderten Auflagen, nunmal erforderlich. Hoffen wir mal, dass sich auch jemand findet, der sie baut. ;) Dabei kann auch gleich eine „Hasenklappe“ eingebaut werden, um verirrten Langohren den Weg aus dem Stadion zu erleichtern. Die Westtribüne startete mit einem die gesamte Breite umfassenden blau-weiß-rotem Meer aus Fahnen, aufblasbaren Folienstäben, Flitter-Glitter und Wurfrollen.

 

HaseKSVSVS

 

 

Choreo

 

Einlauf

 

Die Verletzung von Jannik Dehm, die aller Wahrscheinlich nach bis zur Wintervorbereitung außer Gefecht setzen wird, wog schwer. Zwar hatte die KSV mit Todorovic zwar einen vielversprechenden Ersatz ins Nest geholt, dennoch war ihm die knappe Vorbereitungszeit anzumerken. Auch für ihn sich eine schwierige Situation. Umso unglücklicher, dass der frühe Treffer für die Gäste nach vier Minuten durch einen missglückten Klärungsversuch der Leihgabe aus Salzburg resultierte. Insgesamt schien zuweilen noch die Bindung zum Team zu fehlen. Ein Umstand, den eine weitere Trainingswoche hoffentlich beheben wird.

 

Mühling

 

Bereits wenige Minuten nach dem Treffer wurde klar, dass die Führung der Sandhäuser eher ein glücklicher Zufall gewesen ist. Das von Trainer André Schubert aus alten und neuen Spielern geformte Team funktionierte offensiv hervorragend. Schnell, trickreich und mutig stürmten Lee und seine beiden Flügel Serra und Neuzugang Iyoha. Besonder ein Alutreffer von Serra in der 8. Minute stach ins Auge. Die zuvor ausgeführte Ecke könnte so in jedem Lehrbuch stehen. Etwas, dass man aufgrund von Walters Liebe zu kurzen Ecken, zuletzt bei Holstein vermisst hatte. Nach gut einer Viertelstunde zog sich die Gastmannschaft deutlich zurück und versuchte, das Kieler Offensivspiel in den Griff zu bekommen. Alleine die noch fehlende Präzision im Abschluss verhinderte den Ausgleich. Die Kieler Verteidigung ließ allerdings noch deutlich zu oft zu wünschen übrig. Das Wort „Hühnerhaufen“ fiel auf der Tribüne – zuweilen traf das gut auf die Unordnung im eigenen Strafraum zu. Einzig die seelenruhig an der Torauslinie und im Strafraum pickende Taube schien konzentriert und ließ sich auch nicht nur wenige Zentimeter an ihr vorbei rauschende Stollenschuhe aus der Ruhe bringen.

 

Taube

21.Juli 2018, Endstand 2:3

 

Im letzten großen Test ging es für die Störche gegen die Eulen. Besuch von der Insel hatte ich angekündigt. Mit ihrer Gründung im Jahr 1867 gehören „The Owls“ zu den tradionsreichsten Fußballvereinen Englands – sind aber nicht zu verwechseln mit den Stadtrivalen des Sheffield FC, die offiziell als ältester Fußballclub der Welt gelten.

 

swfcflagge

 

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Die großen Erfolge des Testspielgegner, liegen allerdings auch schon länger zurück. Der letzte Triumph, der Gewinn des Ligapokals, fand im Jahr 1991 statt. Aktuell spielen Gäste in der Football League Championship, der zweithöchsten Liga Englands. Traurige Berühmtheit erlangte der Verein, bzw. deren Stadion, das Hillsborough-Stadion, durch die Tragödie im Jahr 1989, bei der 96 Fußballfans ums Leben kamen.

 

Am vergangenen Freitag verlor der SWFC mit einer Mannschaft, hauptsächlich aus Nachwuchsspielern zusammengestellt noch gegen einen schleswig-holsteinischen Regionalligisten. An diesem Sonntag standen schon ein paar andere Kaliber auf dem Platz.

 

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Im Gegensatz zu Holsteins-Test am Donnerstag, war auch seitens der Gastgeber direkt mehr Tempo und Druck im Spiel. Bereits nach einer guten Viertelstunde gab es ein echtes "Highlight". Ab der kommenden Saison ist der Videobeweis auch für die 2. Bundesliga verpflichtend. Zwar feierte dieser bei der Relegation gegen den VfL Wolfsburg 2018 bereits seine Premiere im Holstein-Stadion, dennoch führte der Pfiff und die anschließende Unterbrechung zu Irritationen im Publikum (ein Vorgeschmack auf viele gekillte Emotionen). Und auch Stadionsprecher York Lange mutmaßte eher, als dass er sich sicher war, dass es um den Videobeweis geht. Und tatsächlich – Schiedsrichter Pfeifer zeichnete ein Rechteck in die Luft und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Janni Serra verwandelte souverän zur Führung. 

 

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„Damit dürfte auch Waldemar Becker, dem größten Holstein-Fan klar sein, dass der Aufstiegszug abgefahren ist“, stellt der Kommentator des Norddeutschen Rundfunks fest. Es ist der 19. Mai 2012, Letzter Spieltag Regionalliga Nord, die Störche haben bei der Zweiten des VfL Wolfsburg gerade mit 4:1 verloren. Ein paar Jahre später taucht während einer Fernsehübertragung ein Schild im Publikum des Holstein-Stadions auf: „Alles Gute zum 90. Waldemar Becker“. Doch wer ist eigentlich Waldemar Becker?

 

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Als Becker 1949 nach Schleswig-Holstein kommt, bietet die Stadt an der Förde einen schlimmen Anblick. „Kiel sah böse aus. Vom Dreiecksplatz in Richtung Wik stand auf der rechten Seite teilweise kein Haus mehr. Dort, wo die Universität war, sah es nicht besser aus“, erzählt der in Bad Driburg geborene Becker. Der damals 22-Jährige hat zweieinhalb Jahr auf den Studienplatz gewartet, nun führt der Weg zum Sommersemester '49 in die vom Krieg gezeichnete Landeshauptstadt. Erst wohnt er in Gaarden, dann im Kronshagener Weg, nachfolgend in der Wik und schlussendlich in der Hansastraße. „Ich habe mich immer näher an die Uni rangerobbt“, erzählt der heute 92-Jährige – und an das Holstein-Stadion.

 

Eigentlich soll Kiel nur ein „Sprungbrett“ sein, doch da es Germanistik-Studenten damals wie Sand am Meer gibt, wird das Studium auf Anraten noch einmal verlängert und Sport dazu gewählt. „Es hat mir hier so gut gefallen“, erzählt Becker. Einen gehörigen Anteil daran hat auch der Holstein-Platz, zu dem der Student mit seinem Fahrrad immer über den Mühlenweg vom Uni-Sportplatz fährt. Das Stadion sah damals noch recht „steinzeitlich“ aus, die überdachte Haupttribüne wurde erst 1950 eingeweiht. Ein großes Highlight dort hatte zunächst einmal nichts mit Handball zu tun: Beim Endspiel um die Deutsche Feldhandballmeisterschaft zwischen dem THW Kiel und dem SV Polizei Hamburg drängten sich 22.000 Zuschauer auf den Rängen. „Wir standen eng, wie die Heringe. Es war nicht einmal mehr möglich, sich eine Zigarette anzuzünden.“ Kiel gewann am Ende mit einem Tor Unterschied.

 

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Zu den Holstein-Heimspielen waren es nicht immer solche Zuschauermassen, die ins Stadion pilgern – Ausnahme natürlich wenn der Hamburger SV an der Förde gastiert. Ansonsten sei es bei einem Schnitt von 7.000 Zuschauern aber immer noch gut möglich gewesen Platz zu finden. Die Eintrittskarte gab es für Studenten mit 1 DM für die halbe Gebühr. An Fan-Schals, Fahnen oder besondere Hüte kann sich Becker nicht erinnern. „Die Leute hatten gewiss andere Sorgen.“ Dafür bot der Fußball allerdings eine hervorragende Ablenkung. Extra verabredet fürs Spiel wurde sich nicht, auch war es kein Freundeskreis, der sich im Stadion traf – aber natürlich kam Becker häufig mit den „Nachbarn“ auf den Rängen ins Gespräch.

 

Über die „Affäre Hamann“ ein Jahr zuvor, die für die KSV den Ausschluss aus der Oberliga-Saison 1948/49 bedeutete, wurde nicht gesprochen, erinnert sich Becker. „Aus der Presse hatte ich zwar erfahren, dass da irgendwas schiefgelaufen ist, offensichtlich war das Publikum aber froh, dass die Stars auf dem Feld wieder im Liga-Betrieb bewundert werden konnten.“ Die Namen der damaligen Spieler gehen dem 92-Jährigens immer noch flüssig über die Lippen: Peper, Morgner, Gräf,... Da Holstein im Winter in der Sporthalle an der Universität trainierte, hatte der Sportstudent guten Kontakt zu ihnen, besonders zu Diether Trede. Der verdiente damals 440 DM im Monat, erfuhr Becker. Auch von der aus Holstein-Herz bekannten Alkoholfahrt Emil Maiers hörte er.

 

Ansonsten war das „Sportmegafon“ die wichtigste Informationsquelle. An Internet war noch lange nicht zu denken, Fußballübertragungen im Fernsehen gab es nicht, ein Radio besaß der Student nicht – und so war er jeden Montag heiß darauf, die neusten Berichte zu lesen. Neben einem Spiel, in dem Alfred „Atze“ Bornemann fünf Tore schoss, erinnert sich Becker besonders gerne an an das letzte Spiel der Hinrunde 1952/53 zurück: Mit 5:0 fegten die Störche den HSV vom Platz am Rothenbaum. „Eine böse Niederlage für die Hamburger“ - bis heute die höchste Heimniederlage der Rothosen.

 

Eine Lieblingsanekdote hat allerdings mit einer Bahnfahrt zu tun: Nach einem Besuch bei einer Freundin in Neumünster stieg der junge Holstein-Fan in den Triebwagen nach Kiel. Im Waggon erblickte er die komplette Mannschaft auf der Rückfahrt vom Auswärtsspiel bei Bremerhaven 93, alle dabei Skat zu kloppen. „Wie habt ihr gespielt?“, war die Frage an Trede, „2:0-Sieg“, die fröhliche Antwort des Stürmers. Die Strecke bis Kiel verbrachte Becker dann mit den Spielern.

 

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Auch wenn die Zeit an der Förde irgendwann vorbei ging – die Liebe zur KSV hat trotz allen Höhen und Tiefen über 70 Jahre immer geblieben. Wenn Holstein spielt, gibt es für Waldemar Becker keine anderen Termine. Nicht nur, weil es manchmal ganz persönliche Grüße gibt.

 

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