...oder Liebesgrüße aus Helsinki

 

Während der Süden der Republik sich wahrscheinlich unter Skandinavien ein einziges Meer von Bäumen, Elchen auf den Straßen und bärtigen Einsiedlern vorstellt, ist man ja als Kieler quasi schon halber Nordeuropäer. Kälte, schlechtes Wetter und eine Stadt jenseits von Prunk hat der Schleswig-Holsteiner eben auch zu bieten. Kopenhagen und Stockholm sind leicht mit dem Auto zu erreichen, nach Oslo geht’s für eine Nacht auf die Fähre. Einzig Finnland sticht da schon ein wenig heraus, vielleicht, weil man eben nicht so leicht hinkommt oder die anderen skandinavischen Staaten einfach sehr viel vertrauter wirken. Das einzige, womit der Schreiber bisher in Kontakt kam, war schließlich der Finnland-Stand auf der Kieler Woche.

 

Als dann die Webseite des Vertrauens für den Fußballreisenden das Helsinki-Derby über den Tag der deutschen Einheit anbot, da war guter Rat teuer. Nebenbei ist es auch gar nicht mal so einfach, eine bezahlbare Flugverbindung nach Finnland zu ermitteln. Einzig die guten Freunde von Ryanair haben das Potential des Landes schon erkannt und flogen vom Flughafen von der Weser direkt ins finnische Nichts zu Trollen und europaweit bekannten Metalbands. Ganz so war es natürlich nicht, das Flugziel Tampere ist immerhin die zweitgrößte Stadt des Landes mit ca. 200.000 Einwohnern, liegt aber auch 180 km nördlich von Helsinki. Ein weiteres kleines Problem war die Abflugzeit um halb sieben, also wurde sich noch fix eine Unterkunft in Bremen gebucht. So ging es an besagtem Freitag erst einmal an die Weser, die uns schon mit leichtem Regen empfing. Das Hostel wurde nach einigem Herumirren gefunden und hielt gleich einige kleine Extras bereit. Als drahtige Reisende macht es natürlich nichts aus, wenn der Aufzug im Haus einmal defekt ist, wenn aber auf den letzten Metern nach oben quasi jede zweite Stufe bröckelt, ist das schon beunruhigend. Kurz nach dem Einchecken waren nach Öffnen der Zimmertür die Betten noch nicht gemacht, also beanstandet und kurz noch in die City um mit einem in Bremen ansässigen Holstein-Sympathisanten asiatisch zu speisen. Irgendwie freut man sich ja immer, wenn es fix geht, aber länger als eine Minute darf es gerne dauern, um wenigstens dem Anschein von Frische zu erwecken. Anschließend rief aber schnell wieder das durchgelegene Bett. Hat mich alles ein wenig an den Bukarest-Trip von vor ein paar Jahren erinnert, da stand die schlechteste Unterkunft der Reise auch in Berlin und nicht in Rumänien.

 

Am nächsten Morgen dauerte es 15 Minuten Straßenbahn, 90 Minuten im Abflugbereich rumhängen und 100 Minuten Flug, dann empfing einen Finnland mit kaltem Wind und grauem Himmel. Irgendein Altrocker sprach mal von 60 Jahren Rock’n’Roll, davon 58 Jahre warten. Irgendwie ist es mit dem ewigen Reisen ja nicht anders. Auf Ryanair-Bus für 6€ hatte man wenig Lust, also ab zum anderen Terminal und auf den Linienbus gewartet. Das Ende vom Lied war, dass uns und ein paar Hamburger (die zum FC Santa Claus in den Norden wollten – tough guys!) ein Großraumtaxifahrer für 2€ pro Person (Schnäppchen) mit in die Innenstadt von Tampere nahm. Die anderen Jungs hatten einen Mietwagen, für uns ging es per Bus nach Helsinki. Nach knapp zwei Stunden verließ man den Bus am unterirdischen ZOB.

 

Erster Eindruck von Helsinki? Sehr sauber und sehr klare Strukturen, eben typisch skandinavisch. Für den ersten Eindruck nicht schlecht, von den Hauptstädten der nordischen Länder wahrscheinlich am ehesten vergleichbar mit Oslo. Nach 20 Minuten Fußmarsch war das Hostel erreicht, hier funktionierte übrigens der Aufzug, auch wenn er schon deutlich über 60 Jahre alt sein durfte. Das Hostel war im Prinzip eine große Altbauwohnung, Dusche gab es nur eine, aber das passte schon. Schließlich waren wir hier sowieso nur zum Pennen. ÖPNV wollten wir in Helsinki uns nicht geben, also ging es zu Fuß einen strammen Marsch durch die Stadt. Die Stadt hat wirklich was, 650.000 Einwohner machen Helsinki zum Zentrum Finnlands, im Großraum der Hauptstadt lebt jeder vierte Finne. Außerdem fühlt man sich als Kieler am Wasser immer am wohlsten, wenn es natürlich die Ostsee ist, die in mehreren Buchten in die Innenstadt hineinragt, dann kann es nicht viel besser kommen. Erster Anlaufpunkt war eine Kneipe, wo sich vorher wohl die HIFK-Leute sammeln wollten. Dort kamen wir dann auch erstmals mit dem finnischen Preisniveau in Berührung, über 6€ über ein 2,5%-Bier. Na denn, vom Essen wurde dann hübsch die Finger gelassen.

 

Von HIFK war auch noch nicht viel dort, stattdessen freuten sich ein paar Leute von FC Kopenhagen über einheimische Bierpreise und auch ein paar Esten konnte man entdecken. Da hat man einmal ein besseres Spiel hier im Norden und schon kommt halb Skandinavien nach Helsinki. Für uns ging es fix weiter. Wir waren ein bisschen zu früh dran, daher musste erstmal der Supermarkt am Platz beehrt werden, anschließend verbrachte man eine nette Stunde auf einer Bank direkt am alten Olympiastadion. Ursprünglich war auch ein Besuch auf dem Olympiaturm angedacht, aber leider wurde das ganze Areal aufpoliert, sodass uns der Blick auf die Stadt verwehrt blieb. Besser konnte man den Wochenendtrip hier nicht gestalten, aber es würde sich schon lohnen, im Olympiastadion mal ein Spielchen zu sehen, nette Schüssel. Der HIFK-Mob hatte sich inzwischen auch zusammengerottet und zog mit viel Pyro und Böllern mit ca. 500 Leuten durch die Straßen.

 

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Durchweg junge Leute waren da am Start, aber ein gutes Bild, wenn man bedenkt, dass Fußball hinter Eishockey und Wintersport nur Sportart Nummer drei ist und HIFK immer Moment in der Tabelle kurz über dem Strich steht. Das Sonera Stadion ist ein relativ neuer Bau und erinnert ein wenig an das Stadion in Maribor, eigentlich das Heimstadion von HJK, nutzt HIFK es mittlerweile auch als Heimspielstätte. Etwa 11.000 Leute passen hier rein, außer bei einigen Derbys ist es nie ausverkauft, so auch heute.

 

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Auf der HIFK Seite hatte man durch das Herausnehmen von ein paar Sitzen einen kleinen Stehplatzbereich geschaffen, der Test des Stadions waren komplett Sitzplätze. Zum Einlauf zündete die Heimkurve ganz nett herum, die Gäste hatten eine einfache Choreo gebastelt, das ging beides in Ordnung.

 

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Bei HJK stand heute Thomas Dähne im Tor, hat mal Jugend-Nationalmannschaft in Deutschland gespielt, auf der Bank nahm Mikael Forssell Platz, der hat sich die Schuhe auch schon für Chelsea und Gladbach gebunden, mittlerweile ist er 35 Jahre alt, sein Vertrag bis Ende des Jahres bei HJK dürfte auch der letzte sein. Ein wenig enttäuscht war man über den HJK-Anhang, wirklich viel stand da nicht im Gästeblock, wenigstens machten viele mit. Auf der Gegenseite spielte sich wohl das Beste ab, was man in der finnischen Veikkausliiga so finden kann: Schwenker ständig in der Luft und 400 Leute wussten echt, was sie zu tun und zu lassen hatten. Schick! Erst dachte unsere kleine Reisegruppe, die kämen im Prinzip nur alle von HIFK Eishockey, aber denkste, die gehen nur zum Fußball haben Bock auf ihren Verein und das, obwohl der Club seit 2014 erst wieder erstklassig ist, nach 43 Jahren (!) unterklassigem Gekicke. Das Gekicke auf dem Kunstrasen ging schon klar, HJK individuell natürlich deutlich besser, aber HIFK hielt gut dagegen. Nach 33 Minuten setzte sich die Willensstärke des Heimteams dann durch und der HIFK-Anhang konnte zum ersten Mal durchdrehen, nett!

 

 

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Auch in der zweiten Halbzeit konnte HJK nicht wirklich Druck ausüben, dann führte das Heimteam kurz darauf 2:0, perfekt ausgespielter Konter. Dankenswerterweise direkt vor der Heimkurve, wo ein paar Leute vor Freude den Innenraum betraten. Der Gast konnte noch den Anschluss erzielen, mehr ging heute (zum Schluss mit Forssell) nicht mehr.

 

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HIFK feierte den Derbysieg wie einen CL-Titel, hunderte stürmten den Rasen und am Ende war alles eine große Jubeltraube mit den Spielern. Wirklich schön anzusehen. Da muss man sich einmal in Deutschland vorstellen, da wären nicht nur die Sicherheitskräfte rabiater vorgegangen, auch das Feuilleton hätte sich noch Tage drauf über die Vandalen echauffiert. Die Gäste sprangen mit 20 Leuten auch noch in den Innenraum, wirklich motiviert war aber irgendwie keiner, sodass am Ende nur mit den Ordnern gerangelt wurde. Die Bullen hatten auch weniger Lust darauf, nachdem man sich das Spiel zehn Minuten lang angesehen hatte, ging es für die Gäste nach Hause. Schön zu sehen, dass sowas nicht in Gewalt ausartet, in Skandinavien hebt man bei einem Bengalo eh erst einmal den Zeigefinger als den Knüppel. Wie eigentlich überall, außer in Deutschland.

 

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Für uns ging durch die mittlerweile empfindliche Kälte wieder zu Fuß in Richtung Herberge. Abendessen gab’s bei einer finnischen Burgerkette, die aber den Standard der grandiosen Max-Burger in Schweden nicht ansatzweise halten kann. Wenn es einmal nach Finnland geht, kauft in Supermärkten oder bei Bäckern in dessen Vorräumen ein, das lohnt sich mehr als die Burger dort in sich rein- und Geld rauszuschmeißen. Guter erster Tag!

 
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