Um 05:30 Uhr klingelte dann auch schon wieder der Wecker. Um 05:30 Uhr? Ja, richtig gelesen und das war alles auch so gewollt, schließlich wartete um 11:00 Uhr schon wieder der nächste Kick in Warschau auf uns und während man sich in Kiel vor der Fahrt nach Osnabrück noch einmal umdrehte, öffnete sich bei unserm Mietwagen die Kofferraumtür schon wieder automatisch. Also schnell raus aus Bydgoszcz und nach einigen Minuten erlangte man endlich Erkenntnis, wo sich die über 300 Einwohner denn versteckt hielten: Plattenbau in Reinkultur, welch Wunder. Auch die Pilzesammler waren schon aufgestanden, zahlreiche Autos standen schon wieder am Waldesrand. Die aufgehende Sonne wies und wie so oft den Weg: Es ging ohne zu zögern Richtung Osten. Heute hatte man sich mal wieder für die Landstraße entschieden, was auf eine kleine Ausnahme (2 Zloty für 3 Kilometer Autobahn) auch ganz gut gelang. Die Bebauung am Straßenrand wurde allmählich immer verfallener, Warschau kam näher! Auf vollen Straßen betrachtete man die Skyline erst einmal nur von unten, denn bevor man heute Abend dem Hauptspiel der Tour bei Legia einen Besuch abstattete, hatte der Polen-Experte auf dem Beifahrersitz noch zwei unterklassige Spiele rausgesucht.

 

Wolski Robotniczy Klub Sportowy Olimpia Warszawa vs. Miejski Klub Sportowy Bug Wyszków

Stadion Olimpii, 13. September 2014, Endstand 3:2

 

Hinter obiger Aneinanderreihung von Konsonanten verbirgt sich ein Kick der 5. polnischen Liga. Vom Niveau her kann man sich das eigentlich nicht antun, wäre da nicht die Spielstätte der heutigen Begegnung, das Stadion Olimpii. Die Hauptstraße wurde schnell verlassen, dank sehr sportlicher Fahrweise der polnischen Autos war man darüber auch nicht ganz unglücklich. Nachdem die Gruppe einen heruntergekommenen Angelladen und einen geschlossenen Kiosk passierte, wähnte man sich bereits in irgendeinem Barrackenviertel oder einer Favela (seit der WM ein geflügeltes Wort, klingt auch einfach harmloser als Slum und seitdem Medien die Cuvrybrache in Berlin zu einer eben solchen erklärten, fast schon ein wenig hip). Doch kurz dahinter tauchte das Stadion dann doch. Das Olimpii besitzt nur auf den Hintertorseiten zwei ovale Tribünen, ansonsten darf man sich ebenerdig das Spiel anschauen.

 

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Die Sitze waren bereits überraschenderweise schön heruntergekommen und teilweise schon mit Bekenntnissen zu Legia beschmiert. So eine Stadionstruktur gibt es sicher noch selten in unseren breiten, daher war der Platz den Besuch schon wert. Das einzige, was noch fehlte, waren die Spieler. Das es jedem von uns schon etwas mit Bauch rumorte, war die einzige Verpflegungsmöglichkeit die Tankstelle 100 Meter weiter, sodass man sich vier Hot Dogs verschaffte. Die waren aus meiner Sicht ganz in Ordnung, in manchen Kreisen soll es ja einen regelrechten Kult darum geben, da ziehe den Fransk Hot Dog aus Dänemark aber deutlich vor. Inzwischen tat sich auch auf dem grünen Rasen etwas und überraschenderweise auch auf den Rängen. Waren zunächst nur einige ältere Herrschaften auf den notdürftig abgewischten Sitzen zugegen, hingen Minuten später schon ein paar Olimpia-Fahnen und ein paar Mal wurde der Name in den Morgenhimmel gerufen. Auch aus dem 50 Kilometer entfernten Wyszków hatten sich im kleinen Gästeblock etwa 20 Leute eingefunden, die nach ein paar Schlachtrufen aber lieber Fußball guckten.

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Die Staatsmacht hatte aus diesem Grund schon mal ein paar Autos zusammengesucht, die Angst war aber völlig unbegründet, man klatschte sich mit dem Gegner ab und die weißen T-Shirts ließen die leise Vorahnung entstehen, dass man nachher sowieso zusammen zu Legia geht. Wir dagegen verhielten uns relativ unauffällig, auch bei solchen Spielen können vier unbekannten Leuten nebeneinander schon einmal komische Fragen nachsichziehen. Immerhin konnte man für kleines Geld noch einen Burger abstauben, auch nicht obligatorisch in solchen Ligen. Auf dem Rasen dagegen war das Niveau am Ende doch nicht so schlimm wie erwartet, mit dem 3:2 für Olimpia konnte man am Ende vor 150 Zuschauern doch noch 5 Tore bejubeln, auch wenn selbst Holsteins U23 die beiden Fünftligisten aus dem Nachbarland wohl deutlich in die Schranken gewiesen hätte. Für uns ging es danach schnell wieder in den geräumigen Kombi, schließlich musste man für das nächste Spiel noch einmal quer durch die Hauptstadt brausen.

 

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Gminny Klub Pilkarski Targówek vs. Klub Sportowy Pelikan Lowicz

Stadion GKP Targówek, 13. September 2014, Endstand 2:5

 

Targówek ist eines der zahlreichen Blockviertels in Warschau und Heimat des Viertligisten von GKP. Das Klischee von halb verfallenen Plattenbauten kann Warschau insgesamt aber überhaupt nicht bestätigen. Wirklich alle Häuser sind von außen neu verkleidet und oft bunt gestrichen, das macht doch dann schon einen ganz anderen Eindruck und wenn ich die Wahl zwischen Halle-Neustadt und Warschau-Targówek haben würde, mich zöge es garantiert nicht an die Saale. Das Ganze kann man natürlich nicht auf das gesamte Polen beziehen, im Kohlepott kommen immer noch Sympathisanten des vermeintlich echten Ostblocks auf ihre Kosten. Eine Liga höher und sofort wurde es professioneller, man durfte 10 Zloty bezahlen, es gab eine Eintrittskarte in die Hand und man wurde alibimäßig abgetastet.

 

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Das Stadion stellte sich hier als typisch polnisch da, an einer Seite unüberdachte Sitzplätze, auf den restlichen Seiten nichts. Trotzdem war dies kein Garant für mehr Spannung auf Tribünen und Rängen, insgesamt vielleicht 60 Zuschauer interessierten sich für das Geschehen auf dem Rasen. In einer Liga, in der durchschnittlich bestimmt 250 Zuschauer anwesend sind und auch Szenen wie die von LKS Lodz ihr Unwesen treiben sicher eine dürftige Zahl. Uns war es relativ egal, bei der Hitze (es war wirklich verdammt warm), wäre auf den Rängen eh nicht viel gegangen und dank Eis hielt sich die Körpertemperatur auch in Grenzen. Durchaus verachtenswert waren auch einige Typen mit Keltenkreuz auf den stolz getragenen Pullovern, die auch ganz eifrig dabei waren, die jungen Stadionbesucher ganz unverbindlich mal anzusprechen und nicht viele Augen für das Spiel hatten. Dabei war selbiges doch ganz nett anzuschauen, der ehemalige Zweitligist aus Lowicz zeigte schon Anzeichen von Spielverständnis, sodass am Ende auch die Gäste nach einigen Trinkpausen die drei Punkte Richtung Westen mitnehmen konnten. So bestiegen wir schnell wieder das schattig geparkte Auto, schließlich folgte nach zwei mittelmäßigen Supportacts der Headliner des heutigen Tages! Übrigens waren die Fahrten in Warschau nie ohne Pausen zu fahren, schließlich musste ein Mitfahrer noch seinen Streetart Fetisch ausleben und wirklich jede Schmiererei ablichten!

 

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Centralny Wojykowy Klub Sportowy Legia Warszawa vs. Wroclawski Klub Sportowy Slask Wroclaw

Stadion Wojyka Polskiego/Pepsi Arena, 13. September 2014, Endstand 4:3

 

Zunächst einmal musste die Kartenfrage des heutigen Tages geklärt werden, sodass man als erstes das Legia-Stadion ansteuerte. Ein günstiger Parkplatz wurde schnell gefunden und so ging es zum Ticketschalter. Dank Hinweisschildern wusste man schnell, dass man sich hier in der Metropole auch beim Fußball auf internationale Besucher einstellte, dank dieser Ausrichtung brauchte man als Ausländer auch keine Karta Kibica, wie der gemeine Polen-Besucher weiß doch recht annehmlich, schließlich kann man in der Zeit eines solchen Ausstellprozesses schon einmal ganze Städte besichtigen. Dekadent wie man ist, war man auch gerne bereits, um die 15 Euro für Premiumplätze auszugeben, schließlich wollte man sich das Spektakel heute nicht entgehen lassen. Anschließend nahm die Gruppe den offiziellen Fanshop genauer unter die Lupe und da merkte man schon, dass man quasi beim FC Bayern Polens gelandet war. Obwohl der Verein wirklich einige schicke Casual Sachen im Angebot hat, insgesamt wirklich das gleiche Sortiment wie bei anderen Vereinen in der Europa League oder der CL. Wer also den neuesten neonfarbenen Fußballschuh unbedingt benötigt, der ist im Legia Shop genau richtig. Den berühmten Vogel schoss aber wirklich das LA Lakers Hemd ab, das man hier selbstverständlich auch käuflich erwerben konnte. Einmal über die Straße wurde es dort im Kibice Shop schon interessanter. Dieser war in einer Sporthalle einquartiert und hatte so ziemlich alles im Angebot, was der aktive Legia-Fan begehrt, da konnte selbst ein Mitfahrer nicht ansichhalten und schnell war ein Zyleta-Shirt (Fankurve von Legia) in seinem Besitz und man hatte auch mal wieder ein aktuellen To my kibice in den Händen. Nun musste aber auch das Dach über dem Kopf mal ganz langsam her. Dieses befand sich heute auf der anderen Seite der Weichsel in einem Wohngebiet, genauer in einem Einfamilienhaus. Dumm nur, dass kein kleinster Hinweis auf den Vermieter hinwies bis ein kleiner Zettel gefunden wurde. Auf Englisch wurde nun das Anliegen beschrieben und festgestellt, dass der Vermieter unglücklicherweise nur ein Doppelzimmer reserviert hatte, was insofern kein Problem war, dass noch ein weiteres frei war. Der Schlüssel befand ich unter einem Steinhaufen auf dem Fenstersims und drinnen angekommen, merkte man, dass man nicht allein war, sondern zwei Mädels anscheinend auch bereits angekommen waren (oder wie wir später erfuhren schon länger hier wohnten). Die beiden hatten übrigens auch schon Spuren hinterlassen, das Badezimmer war leicht verdreckt. Nebenbei hatte die steile Treppe kein Geländer und die Klobrille hatte man auch schnell in der Hand. Es war also wie immer im Osten: Es war einfach alles ganz charmant! Wie so oft, zu genau darf man nicht hingucken, aber für unter 10 Euro die Nacht schon in Ordnung! Schließlich war man auch aus anderen Gründen hier und genau zu diesem Ziel nahm man nun die Beine in die Hand. Außerdem knurrte der Magen und irgendwo an den Ufern der Wisla muss es doch etwas zu essen geben. Bevor wir den Fluss überquerten fanden die deutschen leider noch nichts, nur eine polnische Hochzeitsgesellschaft besetzte ein Lokal für sich. In Polen feiert man Hochzeiten übrigens feucht fröhlich über drei Tage, beim Anblick dieser Gesellschaft musste man klar feststellen, dass das Beste wohl noch bevorstand. Also überquerte man die Weichsel und fand ein kleines Fest am Ufer, wo auch die ein oder andere Köstlichkeit dargeboten werden sollte. Doch das war kein gewöhnliches kleines Stadtfest, da zeigte einfach mal das polnische Militär, was es so zu bieten hat, übrigens powered by orginal polnischem Bier. Ist das was? Man stelle sich vor, das deutsche Militär würde, sofern genügend funktionstüchtige Geräte vorhanden, unterstützt von Holsten auf der Kiellinie mal eine kleine Werkschau veranstalten. Und der östliche Nachbar gab sich wirklich Mühe, wie belebe ich einen Kameraden wieder und wie fühlt es sich an, in einem gepanzerten Fahrzeug zu sitzen? Wer dann noch nicht zufrieden ist, der bekam auch noch einen süßen Gasluftballon in Panzerform. Also ich mache mir über die NATO-Grenzen im Osten nun gar keine Sorgen. Aber bevor wir uns entschieden, in die Fremdenlegion einzutreten gab es eine große Kielbasa gegen den Hunger, naja, wohl sehr von der Größe angetan gewesen.

 

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Anschließend ging es ab zum Stadion und nach kurzem Begutachten einiger Graffitis und einiger Kneipen mit gut gebauten Legia-Fans ging es trotz früher Stunde schon einmal rein ins Stadion. Am ehesten erinnerte das Stadion an die Schüssel in Wolfsburg, gut 30.000 Fans passen rein und die UEFA empfand es angebracht, es zu prämieren.

 

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Das Stadion füllte sich am Anfang nur langsam, zum Anpfiff waren ca. 16.000 Zuschauer im neuen Rund des ehemaligen Armee Sportclubs. Aus Wroclaw hatten ca. 1000 Fans den abendlichen Weg zum Ekstraklasa Spitzenspiel in die Hauptstadt mitgemacht. Bei Legia war die Prozedur des Fahnenaufhängens (inkl. bekannter Fahnen wie das Warriors Banner und einem Banner der Freunde aus Den Haag) erst kurz vor Anpfiff beendet, dann war aber auch alles bereits für ein nettes Spiel. Legia legte noch eine kollektive Schalparade aufs Parkett, Slask eröffnete mit zahlreichen großen Schwenkern.

 

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Was dann folgte, war so ziemlich das Lauteste, was ich jemals in einem Stadion gehört hatte, die Zyleta hielt, was sie versprach. Zwar waren es überwiegend einfache Lieder und Gesänge, die aber in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Stark! Oft wurden auch ganze Tribünenteile miteinbezogen, sodass phasenweise das ganze Stadion stehend aus voller Kehle sang. Wirklich vom Spielgeschehen ließ man sich aber nicht leiten, trotz 3 Tore für den Hauptstadtclub in der ersten Halbzeit wurde munter weiter gesungen, keinerlei Zeichen von besonderer Freude oder Ekstase. Da gefielen mir die Gäste aus Breslau schon besser, die bei ihren Toren kollektiv ausrasteten und ihren Support dem Spielgeschehen anpassten. Man hatte wirklich einen spannenden Kick erwischt, das Niveau war in Ordnung und nach der Pause verkürzte Slask schnell auf 2:3 und hielt anschließend das Spiel lange offen. Wirklich schön anzusehen, wie wirklich jeder auf den Sitzplätzen mit in den Support einstieg und Legia nach vorne schrie. Kurz vor Schluss war mit Legias 4:2 dann alles klar, auch wenn der Gast in der Nachspielzeit noch einmal auf 4:3 verkürzte. Wirklich ein spannendes Spiel mit zwei gut aufgelegten Blöcken, auch wenn ich mir ein wenig spielbezogeneren Support gewünscht hätte, aber andere Länder, andere Sitten. Zufrieden gings wieder über die Weichsel, an der sich mittlerweile anpöbelnden Hochzeitgesellschaft vorbei wieder zum Nachtquartier. Schon wieder hatte die Anzahl der Gäste zugenommen und während sich drei Viertel der Reisegruppe das Bett vorzogen, wurde ein Individuum noch von russischen Sätzen nach unten gebeten und erlebte noch ein nicht ganz nüchternen und angezogenen Druschba-Abend im Kreise der gerade angekommenen Weißrusssen. Nastrovje, Warszawa!

 
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