Stadion Essen, 9. März 2018, Endstand 2:3

 

Ein Freitagabend im März. Während der Schreiber im Regionalexpress durchs Ruhrgebiet rollt, tauchen links und rechts der Strecke immer wieder ins Flutlicht getränkte Sportplätze auf, auf denen in Amateurkicker dem Ball hinterherjagen. Am Rand stehen ein paar Zuschauer, mit Bier und vielleicht sogar mit einer Bratwurst in der Hand. Der Charme dieser Szenerie lässt einem den Gedanken kommen, schon vor dem eigentlichen Ziel des Abends den Zug zu verlassen. Doch am Ende siegt doch die Aussicht auf ein Duell zwischen zwei klangvollen Namen des Fußballs im Westen der Republik. Rot-Weiss Essen empfängt die SG Wattenscheid 09.

 

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Zwischen den Stadien der beiden Teams liegen Luftlinie kaum viel mehr als 10 Kilometer, trotzdem verläuft zwischen den beiden Städten (wobei Wattenscheid seit 1975 nur noch ein Stadtteil von Bochum ist) die Grenze zwischen dem Rheinland und Westfalen. Die kann allerdings ohne Probleme passiert werden – da die Ankunft am Hauptbahnhof der neuntgrößten Stadt Deutschlands aber vergleichsweise spät erfolgt, muss sich mal ein Taxi gegönnt werden, mit dem das Stadion Essen um 19:20 Uhr erreicht wird. Kleiner Sprint zur Ticketbude, Karte gekauft, das Einlassprozedere überstanden und um 19:27 Uhr kann der Platz auf der Helmut-Rahn-Tribüne eingenommen werden.

 

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Helmut Rahn ist einer der großen Namen, an der die Geschichte von RWE reich ist. Neben dem „Boss“ kickten unter anderem August Gottschalk, Willi „Ente“ Lippens, Horst Hrubesch und Frank Mill an der Hafenstraße, aber auch ein gewisser Mesut Özil spielte in der Jugend dort für fünf Jahre. Die große Zeit der Rot-Weissen, die 1907 noch als SV Vogelheim gegründet worden sind, waren die 1950er, in denen 1953 der DFB-Pokal (2:1 im Finale gegen Alemannia Aachen) und 1955 die Deutsche Meisterschaft (4:3-Sieg im Endspiel gegen Kaiserslautern). Nachfolgend durften die Essener als erste deutsche Mannschaft im neugeschaffenen Landespokal der Landesmeister antreten. Nach einem 0:4 und einem 1:1 war da aber bereits in der ersten Runde Schluss gegen die „Hibs“ aus Edinburgh. Bei der Einführung der Bundesliga war der Verein im Oberhaus nicht vertreten, konnte aber immerhin 1966, 1969 und 1973 Aufstiege dorthin feiern. Die Saison 1976/77 sollte das bis heute letzte Bundesliga-Jahr werden. Ein Highlight war noch einmal der Final-Einzug im DFB-Pokal, in der Liga schaffte es RWE allerdings immer wieder, hinter den Erwartungen zurückzubleiben. Dem sportlichen folgte 2010 auch der wirtschaftliche Niedergang, der einstige Meister musste Insolvenz anmelden und den Gang in die fünftklassige NRW-Liga antreten. Die konnte nach nur einem Jahr wieder in Richtung Regionalliga verlassen werden, trotz höherer Ambitionen ist Essen seitdem dort zuhause.

 

Das Zuhause im wörtlichen Sinne ist traditionell die Essener Hafenstraße, wo 1923 das erste Stadion eröffnet wurde. In den 1950ern wurde eine moderne Haupttribüne errichtet, die dem Bau den Beinamen „deutsches Highbury“einbrachte, zudem erhielt das Stadion als erstes in der Bundesrepublik ein Flutlicht. Sechzig Jahre später war die Tribüne des Georg-Melches-Stadion allerdings, wie der Rest der Spielstätte in die Jahre gekommen. Klamme Kassen bei Verein und Stadt bremsten das Thema „Neubau“ allerdings immer wieder, trotzdem konnte im August 2012 das neue „Stadion Essen“ eröffnet werden. Die komplette Fertigstellung durfte dann ein Jahr später gefeiert werden. Vom alten Stadion ist noch einer der beeindruckenden Flutlichtmasten erhalten – sowie noch einige Bilder an der Stadionzufahrt.

 

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Der Neubau besteht aus vier getrennt stehenden, einrangigen Tribünen, von denen drei nach Vereinslegenden benannt sind. Der Supportkern befindet sich auf der „Alten West“ und ist eigentlich seit je her ein festes Potenzial des Vereins. Selbst an diesem Freitagabend können über 6.000 Zuschauer begrüßt werden (darunter auch einige Kieler), wobei sich im Gästeblock eher ein höchstens mittelgroßer Mob einfindet.

 

 

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Dass dieser am Ende Grund zum Feiern hat, wohingegen der Heimanhang „Wir haben die Schnauze voll“ skandiert, zeichnet sich zunächst nicht ab. Die im unteren Tabellenmittelfeld stehenden Hausherren machen von Beginn das Spiel, erspielen sich die entsprechenden Möglichkeiten. Von denen kann Marcel Platzek eine zur 1:0-Führung nutzen. Mit positiver Stimmung geht es in die Pause, die Currywurst, Pommes (natürlich rot-weiss) und das einheimische Stauder schmecken. Auch der Ausgleich in der 78. Minute ist nur ein kurzer Stimmungsdämpfer, denn zwei Minuten später liegen wieder die Gastgeber in Front. Lieder schallen übers Spielfeld bis kurz vor Abpfiff das Unheil seinen Lauf nimmt. Erst gleich Angelo Langer mit seinem zweiten Treffer des Tages aus, ehe der in der zweiten Hälfte eingewechselte Berkant Canbulut mit dem Schlusspfiff zum 3:2 aus Sicht der Gäste einnetzt.

 

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Die Spieler von „Wattsche“ feiern mit dem Gästeblock, wohingegen sich der Frust nach dem bitteren Last-Minute-KO auf den restlichen Tribünen entlädt. Fazit von einem Sitznachbarn: „Die spielen seit 40 Jahren Mist, aber so schlimm wie diese Saison war es noch nie.“ Da solche Sprüche auch dem Fußballreisenden von der Förde gut bekannt sind, macht dieser Hoffnung, dass auch der schlafende Riese von der Hafenstraße wieder einmal erwacht.

 

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