1. FSV Mainz 05 - eine Gegnervorstellung

 

Holstein bittet zum dritten Mal zum Tanz und zu Gast im Achtelfinale des DFB-Pokals ist Mainz 05. Und die sind, wie man bekanntermaßen weiß, ja "nur ein Karnevalsverein". Als Schmähgesang sicher ungefähr genau so kreativ , wie Frage nach Färbung und Geruch von Fischen in Bremen, doch wer clever ist, nimmt solchen Beleidigungen den Wind aus den Segeln, macht die vermeintliche Schmähung zum Image und lässt das Lied ganz hochoffiziell im Stadion abspielen. Immer offensiv die Sachen angehen, das könnte sowieso ein gutes Motto für den Verein sein, dessen Wurzeln bis in den Sommer des Jahres 1905 zurückgehen, als ein damals noch namensloser Verein gegen den FC Germania Gustavsburg mit 5:3 gewann.

 

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Wenig später bekam das Kind dann auch einen Namen, der 1. Mainzer Fußballclub „Hassia“ 05 war geboren. Somit kann der "Karnelvalsverein" immerhin auf eine 106jährige Geschichte zurückblicken

 

Die verlief nach dem Krieg von 1945 bis 1963 erstklassig in der Oberliga Südwest, rutschte mit der Einführung der Bundesliga aber in die zweite Reihe ab. Von 1976 bis 1988 und ein letztes Mal in der Saison 1989/90 gab es für den FSV sogar nur drittklassigen Amateurfussball zu sehen. Danach gelang zunächst der Aufstieg in Liga zwei (wo man sich allerdings meistens am Tabellenende orientieren musste), ehe dann die Weichen für eine wichtige Ära, wohl nur aus Zufall, aber ausgerechnet an Fastnacht 2001 gestellt wurden. Jürgen Klopp, damals noch ohne Trainerschein, dafür aber mit 325 Ligaspielen für 05 und einem abgeschlossenen Sportstudium auf der Habenseite, übernahm den Trainerposten und sicherte zunächst einmal den Klassenerhalt. Drei überragende Spielzeiten sollten folgen, denen allerdings auch zweimal äußerst knapp der krönende Abschluss in Form des Aufstiegs fehlte. Kaum nachzuvollziehen, wie das Nervenkostüm des Mainzfans im dritten Jahr augesehen haben durfte, schließlich können Nicht-Aufstiege gefühlt härter als Abstiege sein. Und 2004 klappte es ja doch noch - Mainz im dritten Versuch zum ersten Mal in der Bundesliga.

Obwohl als Absteiger gehandelt schlug sich die Klopp-Elf überraschend gut, beendete die Saison als bester Aufsteiger auf Platz 11 und bekam zusätzlich über die Fair-Play-Wertung einen Startplatz in der UEFA-Pokal-Qualifikation zugesprochen. Die überstand man dann auch schadlos, scheiterte in der ersten Hauptrunde allerdings am späteren Sieger FC Sevilla. 2006/07 stieg Mainz wieder aus dem Oberhaus ab, ein Jahr später ging "Kloppo" nach Dortmund - was ihm aber wohl keiner so recht übel nahm, denn unglaubliche 15.000 Fans versammelten sich in Mainz auf dem Gutenbergplatz um "Auf Wiedersehen" zu sagen. Ein großer Beweis für dafür, dass der Verein auch im Profifußball das Familiäre und das Bodenständige nicht aufgegeben hat, Mainz 05 war und ist ein "menschlicher" Verein.

Auf Klopp folgte Jørn Andersen und die Rückkehr in die Bundeliga, allerdings auch gleichzeitig dessen Entlassung nach internen Differenzen. Womit wir auch schon beim aktuellen Übungsleiter wären: Thomas Tuchel, für den die Beschreibung Diplom-BWLer zwar nicht falsch, aber etwas zu knapp wäre. Immerhin hat der gebürtige Schwabe die A-Jugend von Mainz zur Deutschen Meisterschaft geführt und bei den Profis den Startrekord von sieben Spielen eingestellt und holte mit seinem Team gleichzeitig noch die beste Bundesliga-Platzierung aller Zeiten. Die aktuelle Saison begann allerdings mit einer Enttäuschung: In der Qualifikation zur Europa League schied man doch eher unerwartet gegen den  Gaz Metan Medias aus (die einzigen, die der Reise nach Rumänien etwas abgewonnen haben könnten, dürften Groundhopper mit neuem Länderpunkt gewesen sein). Auch in der Liga kommt man nicht so recht ins Rollen und belegt derzeit nur den 14. Tabellenplatz, konnte aber ausgerechnet vor drei Spieltagen den FC Bayern mit 3:2 nach Hause schicken

Schauplatz für die Fußballhöhepunkte und Fußballdramen ist seit dieser Saison in Mainz die COFACE-Arena, für die man nach 73 Jahren die traditionsreiche Spielstätte am Bruchweg verließ. Davor hieß das Mainzer Wohnzimmer Sportplatz am Fort Bingen, das nach dem Ausbau zu einer modernen Spielstätte 1927 immerhin 10.000 Zuschauern Platz bot. Zehn Jahre später standen die Zeichen der Zeit allerdings anders und so musste das Stadion  1937 für den Bau einer Kaserne weichen. Nach kurzem Asyl auf dem Platz des MTV 1817 ging es dann an den Bruchweg, der zu dieser Zeit allerdings noch Herbert-Norkus-Kampfbahn hieß. Nach dem Krieg war das Stadion zwei Jahre unbespielbar, bevor Mainz 05 hier wieder den Spielbetrieb aufnahm. Aus Kriegsschutt (der auch Reste römischer Grabsteine enthielt, was sich aber anscheinend nicht negativ auswirkte ;) ), wurde 1951 eine neue Stehtribüne gebaut und zwei Jahre später wurde erstmals ein Rasenplatz angelegt. Weitere Umbauten waren die Überdachung der Haupttribüne 1968 und der Gegengerade 1981, eine letzte große Modernisierung erfolgte 2002, als die „alte“ Gegengerade abgerissen und durch eine neue ersetzt wurde. Der Zuschauerrekord wurde übrigens 1965 im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Nürnberg aufgestellt.

Heiße Duelle gibt es heutzutage vor allem mit Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Kaiserlautern , wobei der klassische Rivale der Mainzer eigentlich Wormatia Worms ist, der inzwischen allerdings eher nur noch auf die Zweitvertretung der 05 trifft.

 

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10-Jahres Choreo der Ultrà Szene Mainz (Quelle: kigges.net)

 

Gute Kontakte auf Ultràebene hat die Ultrà Szene Mainz (zu deren 10jährigem Bestehen eine ansehnliche Choreo abgeliefert wurde - mehr dazu im Szene Mainz Blog) zur Violet Crew nach Osna. Von den "alten" Fanfreundschaften zu Gladbach und zu St. Pauli zeugen hingegen nur noch einige alte Doppelschals.

Schade eigentlich, dass es keinen Begegnungsschal für den Mittwoch gibt - wäre sicher auch bei den Gästefans ein begehrtes Souvenir gewesen. Denn Vorfreude auf den Kick ist auch in Mainz definitiv vorhanden. Schließlich wurde der Pokalsonderzug (übrigens der erste von der Fanszene selbst organisierte Sonderzug!) kurzfristig nochmal um einen Waggon verlängert und so dürften im ausverkauften Holstein-Stadion am Ende mindestens 400 Mainzer zu erwarten sein (edit.: auf der offiziellen Facebook Seite des Vereins wird inzwischen von 900 (!!!) Mainzern geprochen) - mehr als bei so manchem anderen Auswärtsspiel.


Es ist also angerichtet für einen weiteren, heißen Tanz an der Förde.

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Und wer noch weitere Infos zu unserem Achtelfinal-Gegner sucht, dem sei neben der offiziellen Vereinhomepage  vor allem das Online-Fanzine Kigges empfohlen, die uns auch mit einigen "Insider-Infos" weitergeholfen haben.

 
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