Auestadion, 2. Juni 2013, Endstand 1:2

 

Sonnabend, ungefähr nach dem Bayern-Spiel. Die frühe Anreise nach Nordhessen war eine gute Idee, denn mit dem Promillepegel, den der Schreiber sich gegen die Nervosität angetrunken hat, würde auch am nächsten Morgen eine Fahrt unmöglich sein. Dass man dafür am nächsten Morgen nur ein wenig Obst und einen kleinen Löffel Rührei frühstücken kann, während die ebenfalls im Hotel anwesende Delegation der Kieler Nachrichten feststellt: „Ich mag Speck.“ und sich mehrere Teller davon nebst gebratenen Eiern einverleibt, ist halt der Kompromiss, den man eingehen muss. Verdammt, anscheinend ist man der einzige, dem es Kreislauf technisch nicht so gut geht, dafür hält sich die Nervosität wirklich in Grenzen. Das glaubt man zumindest. Spätestens als man am Hauptbahnhof den aus Kiel einfahrenden Sonderzug empfängt, weiß man dass es nicht so ist. Der ganze Bahnsteig ist blau-weiß-rot - egal ob alt, ob jung – die friedliche Invasion aus dem Norden ist erfolgreich und der Herzschlag wird heftiger.

 

sonderzug

 

Und er steigert sich von diesem Zeitpunkt an kontinuierlich. Denn inzwischen ist das Hirn auch wieder in der Lage sich Gedanken zu machen: „Ist das 2:0 Hinspiel wirklich so ein gutes Polster oder wird es ein zweites Wolfsburg geben?“, „Geht es in der nächsten Saison nach Rostock, Burghausen, Saarbrücken oder muss man wieder die Tour über die Dörfer antreten?“ Der Schädel platzt fast. Aber dieses Gefühl ist an diesem Tag natürlich nicht für sich allein reserviert, circa 17.000 anderen geht es im und ums Auestadion genau so. In den Farben getrennt, in der Sache vereint ;) Das wird schnell beim Gespräch mit dem Vereinsfotografen des KSV klar, man leidet gemeinsam. Da tut es wirklich gut dass mit Ric von „Unterwegs in Sachen Fußball“ nebst Freundin und „Gurke“ vom "Auslandsjournal" aus Cottbus auch ein paar mehr oder minder Neutrale anwesend sind, die einen Teil der Anspannung zu absorbieren scheinen. Um 13.30 Uhr hilft aber alles nichts mehr, ab in den Innenraum und schon auf den Stufen nach unten vernimmt man das langgezogene „Hooooolstein Kiiiiiiiel“. Die Kurve in den Landesfarben, 2.000 Schlachtenbummler stehen hinter der Mannschaft, eine Auswärtskurve die, was den Support betrifft, die Saison krönt. Hammer!

 

kurve

 

Anpfiff! In 90 Minuten sind wir schlauer. Der KSV aus Kassel legt dann auch gleich los wie die Feuerwehr, man konnte auch wirklich nicht glauben, dass die Leistung am Mittwoch das Beste war, was der Meister der Regionalliga Südwest abzurufen vermochte. Im Gegensatz zum Hinspiel, wo die Nordhessen trotz teilweise sehr rabiaten Spiels lange Zeit keine gelbe Karte zu befürchten hatten, ist Schiedsrichter Wingenbach mit seiner Hand etwas zu schnell beim gelben Karton. Marcel Schied und Fabi Wetter sind nach 10 Minuten bereits vorbelastet. Insgesamt gibt es sehr viele Standardsituationen für die Gastgeber, was man eigentlich unbedingt vermeiden wollte, sind die Nordhessen doch im Hinspiel dadurch aufgefallen, nur nach ruhenden Bällen Gefahr zu erzeugen. Holstein schafft es immer wieder den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern. Nach 22 Minuten klappt eine Kasseler Abseitsfalle nicht, Wetter bedient mustergültig Heider, der den Ball mit der ersten Kieler Chance in den Maschen versenkt.

 

heidi

 

Totale Ekstase auf den Rängen, Tränen in den Augen und nie waren Bierduschen so erwünscht. Der Block dreht kollektiv durch, obwohl man bereits seit einer halben Stunde vor Anpfiff die ersten Schlachtrufe in die große Schüssel gebrüllt hat. Kassel ist jedoch nur kurz geschockt und macht weiter Druck, so richtig zwingend sind die Bemühungen jedoch nicht. Zehn Minuten vor der Pause kann man dann aber die ersten Chance des KSV verzeichnen, Gallus setzt den Ball allerdings nur neben das Tor. Kassel hat jetzt weiter optisches Übergewicht, auf den Rängen hört man vor der Pause fast nur Kiel. Durch die zahlreichen Unterbrechungen gibt es eine ordentliche Nachspielzeit, in der Gaedes Kopfball zunächst von Jockel grandios an die Latte gelenkt wird, gegen Müllers finalen Einschuss ist der Kieler Jung dann machtlos. Nur Sekunden später wirkt die Kieler Defensive noch verunsichert, ein Glück, dass Gaedes Kopfball nicht das zweite Tor für Kassel bedeutet. Anschließend in die beruhigende Pause,auch auf den Rängen kann man erstmal einmal durchatmen. Noch 3 Tore, das kann Kassel doch nicht mehr schaffen, oder?

 

plocki

 

Nach der Pause brigt Gutzeit dann den etwas defensiveren Pressel für Fabian Wetter. Holstein spielt nun etwas bedachter und vorsichtiger, Kassels Spiel bleibt aber relativ einfallslos, einige Minuten später befördert der gerade gekommene Pressel einen Freistoß über das Tor. In der 61. Minute ist es dann soweit: Der emsige Siedschlag tritt eine Ecke auf den kurzen Pfosten, Sykora verlängert den Ball in die Mitte auf den bestens postierten Gebers, der nur noch einschieben braucht. Jubel, Trubel, Heiterkeit, pure Anarchie in der besten Auswärtskurve der Saison. In der Folge klärt die neue Nummer Eins noch einmal bravourös gegen die Nordhessen, welche sich aufgrund der aussichtslosen Situation hängen lassen. Bereits in der 89. Spielminute sind dann die ersten Gratulanten fast auf dem grünen Rasen.

 

steve

 

Man fragt sich noch, warum die Tore eigentlich so früh geöffnet werden und ob es ein zweites Düsseldorf geben wird. Aber zur Erleichterung aller bleiben die Elfmeterpunkte, wo sie hingehören und kein Beteiligter muss Todesangst ausstehen. Mit Abpfiff brechen dann jedoch alle Dämme. Eine blau-weiß-rote Welle der Freude und Glückseligkeit überschwemmt das Kasseler Spielfeld. Fans und Spieler liegen sich in den Armen und vereinzelt weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll, so schön die Eindrücke um einen herum. Man spürt, für diesen Moment hat sich die Ochsentour über Cloppenburg, Rehden und Flensburg gelohnt.Viele Umarmungen, Bier- und Sektduschen sowie tröstende Worte an Kasseler Freunde später befindet man sich schon wieder auf der A7. Schnell hat die Kunde von der Ausstiegsfeier vorm heimischen Stadion die Runde gemacht. Und noch ehe man die zukünftigen Auswärtsfahrten der kommenden Drittligasaison durchgeplant hat, steht man schon mit einem Bier in der Hand auf dem Vorplatz des Holstein-Stadions.

Die Wartezeit bis zum Eintreffen der Aufstiegshelden wird mit wenigen, milden Spielanalysen und lautstarken Gesängen überbrückt. Dann als der Mannschaftsbus endlich vorgefahren kommt, ist es dann zu 100% klar, weshalb man Fan von dieser Mannschaft ist.

 

wettiundcasper

 

marlon

 

steve

 

Egal ob Spieler, Mitarbeiter, Ultrà, Kutte oder wasweißich – eine große Partymasse skandiert „Nie meeehr 4. Liga“ und feiert zusammen bis die Sonne über den Flutlichtmasten aufgeht und spätestens dem letzten klar ist: WE ARE BACK AGAIN!!!

 

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