„Damit dürfte auch Waldemar Becker, dem größten Holstein-Fan klar sein, dass der Aufstiegszug abgefahren ist“, stellt der Kommentator des Norddeutschen Rundfunks fest. Es ist der 19. Mai 2012, Letzter Spieltag Regionalliga Nord, die Störche haben bei der Zweiten des VfL Wolfsburg gerade mit 4:1 verloren. Ein paar Jahre später taucht während einer Fernsehübertragung ein Schild im Publikum des Holstein-Stadions auf: „Alles Gute zum 90. Waldemar Becker“. Doch wer ist eigentlich Waldemar Becker?

 

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Als Becker 1949 nach Schleswig-Holstein kommt, bietet die Stadt an der Förde einen schlimmen Anblick. „Kiel sah böse aus. Vom Dreiecksplatz in Richtung Wik stand auf der rechten Seite teilweise kein Haus mehr. Dort, wo die Universität war, sah es nicht besser aus“, erzählt der in Bad Driburg geborene Becker. Der damals 22-Jährige hat zweieinhalb Jahr auf den Studienplatz gewartet, nun führt der Weg zum Sommersemester '49 in die vom Krieg gezeichnete Landeshauptstadt. Erst wohnt er in Gaarden, dann im Kronshagener Weg, nachfolgend in der Wik und schlussendlich in der Hansastraße. „Ich habe mich immer näher an die Uni rangerobbt“, erzählt der heute 92-Jährige – und an das Holstein-Stadion.

 

Eigentlich soll Kiel nur ein „Sprungbrett“ sein, doch da es Germanistik-Studenten damals wie Sand am Meer gibt, wird das Studium auf Anraten noch einmal verlängert und Sport dazu gewählt. „Es hat mir hier so gut gefallen“, erzählt Becker. Einen gehörigen Anteil daran hat auch der Holstein-Platz, zu dem der Student mit seinem Fahrrad immer über den Mühlenweg vom Uni-Sportplatz fährt. Das Stadion sah damals noch recht „steinzeitlich“ aus, die überdachte Haupttribüne wurde erst 1950 eingeweiht. Ein großes Highlight dort hatte zunächst einmal nichts mit Handball zu tun: Beim Endspiel um die Deutsche Feldhandballmeisterschaft zwischen dem THW Kiel und dem SV Polizei Hamburg drängten sich 22.000 Zuschauer auf den Rängen. „Wir standen eng, wie die Heringe. Es war nicht einmal mehr möglich, sich eine Zigarette anzuzünden.“ Kiel gewann am Ende mit einem Tor Unterschied.

 

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Zu den Holstein-Heimspielen waren es nicht immer solche Zuschauermassen, die ins Stadion pilgern – Ausnahme natürlich wenn der Hamburger SV an der Förde gastiert. Ansonsten sei es bei einem Schnitt von 7.000 Zuschauern aber immer noch gut möglich gewesen Platz zu finden. Die Eintrittskarte gab es für Studenten mit 1 DM für die halbe Gebühr. An Fan-Schals, Fahnen oder besondere Hüte kann sich Becker nicht erinnern. „Die Leute hatten gewiss andere Sorgen.“ Dafür bot der Fußball allerdings eine hervorragende Ablenkung. Extra verabredet fürs Spiel wurde sich nicht, auch war es kein Freundeskreis, der sich im Stadion traf – aber natürlich kam Becker häufig mit den „Nachbarn“ auf den Rängen ins Gespräch.

 

Über die „Affäre Hamann“ ein Jahr zuvor, die für die KSV den Ausschluss aus der Oberliga-Saison 1948/49 bedeutete, wurde nicht gesprochen, erinnert sich Becker. „Aus der Presse hatte ich zwar erfahren, dass da irgendwas schiefgelaufen ist, offensichtlich war das Publikum aber froh, dass die Stars auf dem Feld wieder im Liga-Betrieb bewundert werden konnten.“ Die Namen der damaligen Spieler gehen dem 92-Jährigens immer noch flüssig über die Lippen: Peper, Morgner, Gräf,... Da Holstein im Winter in der Sporthalle an der Universität trainierte, hatte der Sportstudent guten Kontakt zu ihnen, besonders zu Diether Trede. Der verdiente damals 440 DM im Monat, erfuhr Becker. Auch von der aus Holstein-Herz bekannten Alkoholfahrt Emil Maiers hörte er.

 

Ansonsten war das „Sportmegafon“ die wichtigste Informationsquelle. An Internet war noch lange nicht zu denken, Fußballübertragungen im Fernsehen gab es nicht, ein Radio besaß der Student nicht – und so war er jeden Montag heiß darauf, die neusten Berichte zu lesen. Neben einem Spiel, in dem Alfred „Atze“ Bornemann fünf Tore schoss, erinnert sich Becker besonders gerne an an das letzte Spiel der Hinrunde 1952/53 zurück: Mit 5:0 fegten die Störche den HSV vom Platz am Rothenbaum. „Eine böse Niederlage für die Hamburger“ - bis heute die höchste Heimniederlage der Rothosen.

 

Eine Lieblingsanekdote hat allerdings mit einer Bahnfahrt zu tun: Nach einem Besuch bei einer Freundin in Neumünster stieg der junge Holstein-Fan in den Triebwagen nach Kiel. Im Waggon erblickte er die komplette Mannschaft auf der Rückfahrt vom Auswärtsspiel bei Bremerhaven 93, alle dabei Skat zu kloppen. „Wie habt ihr gespielt?“, war die Frage an Trede, „2:0-Sieg“, die fröhliche Antwort des Stürmers. Die Strecke bis Kiel verbrachte Becker dann mit den Spielern.

 

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Auch wenn die Zeit an der Förde irgendwann vorbei ging – die Liebe zur KSV hat trotz allen Höhen und Tiefen über 70 Jahre immer geblieben. Wenn Holstein spielt, gibt es für Waldemar Becker keine anderen Termine. Nicht nur, weil es manchmal ganz persönliche Grüße gibt.

 
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